Eröffnung der Bahnstrecke von Erndtebrück nach Hilchenbach am 1. Oktober 1888.

Ein Zeitungsbericht des Wittgensteiner Kreisblattes

Berleburg, 2. Oktober. Das war gestern ein bewegter Tag. Früh 6 Uhr Abfahrt der Festtheilnehmer Berleburg per Wagen nach Erndtebrück. Hier herzlicher, freundlicher Empfang auf dem geschmückten Bahnhof Erndtebrück. Darnach baldiges Zeichen zur Abfahrt. Man nimmt in den bezeichneten Klassen Platz, der Schaffner kommt, die Billets zu cupiren und siehe da, man hatte den Festtheilnehmern statt Hin= und Retourbillets nach Hilchenbach solche nach Hohenlimburg in die Hand gedrückt. Kleiner Aufenthalt, der vielen an der Festfahrt sich Betheiligenden galgenhumoristische Freude bereitet. Endlich unter brausendem Hurrah der Zurückbleibenden und Fahrenden Abfahrt mit prächtig geschmückter Lokomotive in bekränzten Wagen in der Richtung nach Hilchenbach.

Ließ sich der Tag- nun von vornherein auch sehr regnerisch an, so gestalteten doch bald einzelne freundliche Lichtblicke der erwärmenden Sonne, die graße Aufmerksamkeit und Liebenswürdigkeit der Komiteemitglieder den Festtheilnehmern gegenüber, fröhliche Festfreude. Bahnhof Lützel war bald erreicht und nach fahrplanmäßigem Aufenthalt von sechs Minuten trug uns das Dampfroß weiter.

Immer berauschender, entzückender gestalteten sich nun dem Auge die herrlichen Aussichten von der Höhe der Lützel in die lieblichen Seitenthäler der Sieg. War es erst der herrliche Blick in das Thal nach Afholderbach, dem bald die prächtige Aussicht auf das Dörfchen Grund— dem Geburtsort Jung Stillings— folgte, so war es namentlich der prächtige Anblick beim Einlaufen des von Böllerdonner begrüßten Zuges auf Station„Vorm Wald“, der unser Auge fesselte.

Station„Vorm Wald“, eine liebliche Waldidylle, bietet mit dem Blick nach dem gleichnamigen Dorfe und nach dem von hier aus prächtig gelegenen Hilchenbach, gekrönt von seinem imposanten Seminargebäude, ein herrliches Landschaftsbild.— Und weiter gings. Bald sahen wir die Krümmungen der Eisenbahnlinie zwei, dreimal unter uns liegen und ein begeistertes„Ah!“ ertönte dann von vielen Lippen, als uns gleich darauf, herrlich von der Sonne beleuchtet, der Blick in das Ferndorfthal sich eröffnete. Allenbach, Stift Keppel, Dahlbruch, die Martinshaardt, Lohe 2c. 2c. boten dem Auge die herrlichsten Anhaltspunkte und unter brausendem Jubel und Hurrah erfolgte dann auch bald die Einfahrt in den festlich geschmückten Bahnhof Hilchenbach.

Hier festlicher Empfang von Hunderten der Eingesessenen und solchen, die an dem Festzug zurück nach Erndtebrück sich betheiligen wollten. Man war aus allen Orten des Siegerlandes herbeigeeilt, um den Tag in seine Würde zu kleiden. Da erblickten wir zunächst unsern verehrten Regierungspräsidenten Herrn von Rosen, Herrn Landrath Keil von Siegen, Herrn Landrath von Schroetter die Herren Kommerzienräthe Weiland von Siegen, Dresler von Creuzthal, Klein von Dahlbruch 2c. rc.

Nachdem alsdann Herr Bürgermeister Kocher von Hilchenbach den Gruß und den Dank der Stadt Hilchenbach ausgebracht hatte, wurde zur Rückfahrt nach Erndtebrück geläutet. Zurück die gleichen herrlichen Landschaftsbilder wie auf der Hinfahrt.

Auf Station „Lützel“ warmer Empfang durch die Schuljugend, die unter Leitung ihres bewährten alten Lehrers und unterstützt durch einen gemischten Chor durch Absingung des Liedes„Deutschland Deutschland über Alles“ ihrem Ausdruck der Freude Worte lieh. Alles stieg aus.

Der Herr Regierungspräsident dankte, freute sich der patriotischen Begeisterung, ermahnte solche weiter zu pflegen und brachte darnach ein begeistert aufgenommenes Hoch auf unsern allgeliebten Kaiser aus, dem sich die Absingung der Nationalhymne anschloß. Und weiter ging’s, nicht im hastigen Fluge unserer Kourir= und Blitzzüge, sondern moderato im gemäßigten Tempo des Secundairbahnbetriebs— da auf einmal ein Pfiff der Lokomotive und— eine kleine Entgleisung hatte stattgefunden. Alles stieg wohlbehalten aus, Niemand ließ sich die Festesfreude stören und unter einem gewissen Grade von Galgenhumor wanderte die Gesellschaft den kurzen Weg vom Gasthaus„Zum grünen Wald“ zurück nach Bahnhof Erndtebrück.

Daselbst Empfang und Begrüßung der Festtheilnehmer durch Herrn Amtmann Schmidt. Dann programmmäßiges Fest-Frühstück. War hier durch den beengten Raum die Bedienung erschwert und mancher wohl mit Recht darüber ungehalten, so that doch bald ein trefflicher Rüdesheimer(Marke Fritz Cronau) und die lieblichen Weisen der Womelsdorfer Kapelle als Tafelmusik das ihre, um die Festesfreude nicht wankend zu machen.

Die Reihe der nun folgenden Toaste wurde durch den Herrn Regierungspräsidenten eröffnet, der als der Berusendste das Hoch auf Se. Maj. den Kaiser Wilhelm II. ausbrachte, an welches sich auch hier die Nationalhymne, die stehenden Fußes gesungen wurde, anschloß. Herr Fabrikant Nommel toastete auf Se. Excellenz den Herrn Handelsminister Maybach, Herr Landrath v. Schroetter ließ die um den Bahnbau so sehr verdienten Herren, den Herrn Präsidenten v. Rosen, den Herrn Präsidenten Thielen, den Herrn Regierungsbaurath Brandhof und die am Werke betheiligt gewesenen Herrn Regierungsbaumeister hochleben. Herr Oberst v. Gontard brachte in launiger sinniger Weise unsere Wünsche betreffs des Rascher= u. Weiterbaues der Ederthalbahn dem Herrn Präsidenten gegenüber zum Ausdruck und gipfelte in einem Hoch„auf die Hoffnung“, worauf der Herr Präsident sofort erwiderte, daß wir in diesem Falle nicht allein mit der Hoffnung, sondern mit theilweise vollendeten Thatsachen zu rechnen hätten. Herr Fabrikant Funke aus Hagen gedachte der Schule, die dazu berufen sei, das Gewerbe auszubilden und stiftete 5000 Mark, wenn wir recht verstanden haben, als Stock zu einer Gewerbeschule für den Kreis Wittgenstein. Der Vertreter der Königl. Eisenbahn=Direktion Elberfeld dankte Namens der Königl. Direktion. Herr Regierungsbaumeister Brand dankte in seinem Namen und dem seiner Herren Kollegen und gipfelte in einem Hoch um die gleichfalls um den Bau der Bahn so sehr verdienten Landräthe der Kreise Siegen und Wittgenstein, auf die Herren Keil und v. Schroetter. Toast folgte auf Toast.— Raum und Zeit sind uns zu sehr begrenzt, um auf jede Einzelheit zurückkommen zu können, aber danken wollen wir hiermit Allen, die durch ihre Gegenwart durch Wort und That an dem Gelingen des Werkes und des Festes beigetragen haben, danken dem Festkomitee, welches solches unter vielen Mühen, Verdrießlichkeiten und mancherlei kleinlicher Anfechtung durchgeführt hat, danken aber auch namentlich dem Herrn Groß aus Hilchenbach, der durch sinnige, launige Gesangesvorträge wesentlich zur Verherrlichung des Festes beitrug.

Wir schließen aber unsern Bericht über dieses ereignißreiche Fest mit den Worten des Herrn Regierungspräsidenten an Schreiber dieser Zeilen,„Es war ein schönes Fest“. Möge es noch lange in den Herzen aller Betheiligten nachklingen.